Claudia ist 2013 zu uns gestoßen und unterstützt uns seit dem tatkräftig hinter der Bühne und bei den Proben.

Leichtsinn kommt vor Unsinn

Wo fange ich am besten an?

Ach ja, meine ersten Schritte ins Theater Hoisdorf waren gemacht, die übrigens mit einem sehr netten Telefonat mit Meike Kröger begannen und kurze Zeit später bei einem Casting mit Tim Kröger auf der Tenne fortgeführt wurden. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, aber an die Aufregung und Nervosität kann ich mich noch sehr gut erinnern. Und ja – ich dachte wirklich, dass es ein Casting gibt (vorbereitet habe ich mich natürlich trotzdem nicht :-)).

Nun ja, wir saßen auf der Tenne und Tim (das Kröger durfte ich sofort weglassen) hat mir einige Fragen gestellt. Er hat zwar etwas sparsam geschaut, als er gehört hat, dass ich zwei Kinder im Alter von 7 Monaten habe und dass ich das Theater Hoisdorf noch nie auf der Bühne gesehen habe, aber auf der Besetzungscouch durfte ich trotzdem sitzen bleiben – vielleicht hatte er so eine Art Vorahnung, dass man bei mir keinen Schraubenzieher braucht, weil schon alles ziemlich locker sitzt – die wichtigste Voraussetzung wahrscheinlich, um Mitglied zu werden. 
Angespannter wurde ich dann, als Tim mir sagte, dass gleich die anderen Mitglieder zur Probe kommen und ich noch etwas extrovertierter sein müsste, weil die Theaterleute alle sehr offen und direkt sind – vielleicht DER entscheidende Satz, den er im Nachhinein bereut – konnte ja damals keiner ahnen, was so ein kleiner Satz auslöst.
Nun ja, die anderen Mitglieder kamen und ich durfte die erste Probe mit anschauen und war sehr beeindruckt von der Bühnenpräsenz, der Lautstärke und dem Schauspieltalent, welche die Darsteller an den Tag bzw. an den Abend legten. Ich hatte mit dem Beginn der “Heißen Phase“ zu „Funny Money“ auch den goldenen Zeitpunkt abgepasst, um die letzten Feinschliffe bis zur Premiere und die weiteren Aufführungen verfolgen zu können.

Ich konnte zwar nicht alle Aufführungen sehen, weil ich hinter der Sektbar geholfen habe, aber was ich sah, gefiel mir sehr. Auch der Teamgeist, das Engagement jedes einzelnen Mitgliedes und letztendlich der Humor der Gruppe trafen genau mein Komikzentrum und ich wollte unbedingt bleiben und ein Einhorn dieser Herde werden. Die Sektbar war der Einstieg für mich und es machte so viel Spaß, dem begeisterten Publikum noch mehr Spaßpotential in die Gläser zu füllen. Ich weiß noch, manchmal habe ich mich an der Sektbar festgehalten, nicht, weil ich selbst meine beste Kundin war, sondern weil ich teilweise nur 3-4 Stunden geschlafen hatte, weil ich meinen Kindern zu dem Zeitpunkt auch leckere Milkshakes nachts ausgeschenkt habe. Mareike und Meike (ich habe oft mit den M&M’s hinter der Sektbar gestanden) wollten mich dann immer nach Hause schicken, aber die Theaterluft war die willkommene Abwechslung zur vollgepupten Windelluft Daheim und ich blieb selbstverständlich.

In der darauf folgenden Saison mit dem Stück „Landeier“ habe ich dann auf dem Souffleusenplatz während der Proben Platz genommen. Und es war so eine tolle Erfahrung, ein Stück ab dem ersten Satz begleiten zu dürfen und zu sehen, wie es sich bis zur letzten Vorstellung weiterentwickelt. Das letzte Vorstellungswochenende saß ich dann auch mit Herzklopfen und Kloß im Hals erstmals unter der Bühne. Meine Gedanken drehten sich um die Fragen: Wie lange darf eine Pause sein bis ich einspringe? Wie laut darf ich was sagen? Was ist, wenn ich mit meinem Finger in der Zeile verrutsche und etwas Falsches vorsage? Diese Fragen waren zum Glück alle unbegründet. Worüber ich mir keine Gedanken machte, war der Abstand der Schauspieler zum Souffleusenkasten – vor allem in der letzten Szene, genauer gesagt beim Männerstrip. Nun ja, das hat mich etwas überrascht und ich war sehr froh, dass diese Szene textfrei war und ich kurzzeitig die Augen schließen konnte und meine erröteten Wangen mit meinen kalten Händen und den Gedanken an den rosa Elefanten wieder beruhigen konnte. Zum Glück war es das letzte Aufführungswochenende und nicht die Premiere, sonst hätte ich bei der anschließenden Feier einen großen Bogen um den Eiersalat und die Würstchenplatte gemacht.
Nach dieser Saison wurde das Gewinke mit dem Zaunpfahl immer größer und schienen mich regelrecht zu verfolgen. Aus verschiedenen Richtungen kamen immer wieder Fragen, wie beispielsweise: „Wann spielst Du eigentlich mal?“ Oder „Willst Du nicht auch langsam mal auf die Bühne? Oder „Wenn Du nicht gleich zum Anfang auf die Bühne gehst, dann gehst Du nie.“

Ehrlich gesagt, den Drang auf die Bühne zu gehen verspürte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Ich fühlte mich bei der Probenunterstützung, an der Sektbar, hinter und unter der Bühne ganz wohl. Dann kam ein Gespräch vor der Umkleidekabine während einer Aufführung mit Timo zustande und er fragte mich auch: „Was müsste es denn für eine Rolle sein, damit Du auch mal spielst?“ Ich habe natürlich in meinem nicht vorhandenen Theaterwissen gesagt: „Irgendwas Durchgeballertes müsste es schon sein, eine Prostituierte oder eine Irre wäre toll. Irgendwas fernab meiner Persönlichkeit und alltäglichen Lebensbewältigungsroutine – nun gut, über die geistigen Entgleisungen lässt sich jetzt streiten…aber wir wollen ja nicht kleinlich werden.
Einige Zeit später erhielt ich einen Anruf von Heike, der neuen Regisseurin von dem damals aktuellen Stück „Augen zu und durch“, die meinte, ich glaube, ich habe eine Rolle für Dich. Es ist aber eine Prostitu….dann habe ich ihr schon „Ja“ in den Hörer geschrien, was sie zu dem Zeitpunkt noch verwundert hat.

Stella – meine erste Rolle im Theater Hoisdorf und alles war dabei, was gespielt werden musste: leidenschaftliche Handtuchträgerin, besorgte Ehefrau, panische Angstattackierte, zungenkussgebende Lebensretterin, Tierliebende Staupenbesitzerin, Physiotherapeutin und wegweisende Zollabfertigerin – retrospektiv betrachtet ziemlich viele individuelle Szenen, die es darzustellen und theatralisch umzusetzen galt. Danke Heike für Dein entgegengebrachtes Vertrauen …oder sollte ich sagen, fahrlässiges Handeln? 😉

Die Saison ging schnell vorbei, die Proben waren für mich als Anfängerin teilweise sehr anstrengend, aber immer lustig und lehrreich. Mit jedem Schritt und gespieltem Zungenkuss auf der Bühne und jedem gesprochenen Wort aus dem Textbuch gewann ich an Theaterinsiderwissen und Sicherheit auf den Brettern, die kein Geld bedeuten.

Bei „Hotel Mama“ war ich dann wieder hinter der Bühne tätig und habe die Schauspieler mit zahlreichen Requisiten versorgt. In dieser Saison waren wir zu dritt, teilweise auch zu viert für die Requisiten zuständig, weil der gedeckte Tisch der Familie Backhaus zu fast jeder Mahlzeit üppig eingedeckt wurde. Wie gut, dass die frischen Brötchen und die hart gekochten Frühstückseier nur im ersten Akt benötigt wurden. Ich wurde ein Mal während der Pause gesucht und wurde gefunden – versteckt hinter dem Vorhang, mein Eibrötchen gerade mit etwas Senfgarnitur und Salzkristallen dekorierend in der Hand haltend. – Lecker!!

Nach dieser Saison, nach der ich wieder mal keine Eier mehr sehen konnte, wollte ich nicht im darauf folgenden Stück mitspielen – eigentlich. Paradox läuft es für diejenigen, die sich für den Lesezirkel (einige Theatermitglieder treffen sich, um nach einer aufwendigen Leseaktion das potentiell neue Stück auszuwählen) melden, aber eigentlich nicht spielen wollen, um festzustellen, dass das ausgewählte Stück dann so lustig ist, dass sie doch spielen wollen. Das Schauspielen hat wahrscheinlich etwas von „Ich nehme mir nur einen Chips aus der Tüte.“ Oder „Nur noch ein Tattoo und dann ist Schluss.“ – das Suchtpotential ist einfach zu groß.

Glück im Unglück – nachträglich noch eine Rolle ergattert. „Hedwig Ziegenhagel – Claudia“ stand auf meinem Skript, das ich in meinem Briefkasten fand. Schnell ins Verzeichnis geguckt, welche Rolle das ist, mit welchen Szenen und wie viel Textumfang und die Vorfreude war megagroß und zum Quietschen und hatte das Potential kurz mal in die Luft zu hüpfen. Hedwig Ziegenhagel, die in Wiebke Ziegenhagel umgetauft wurde, war charakterlich betrachtet ein Chamäleon – von der Paragraphentreuen, gehornten Nachbarschaftsbrillenschlange über die stöckelnde Schockverliebte bis zur männermordenden Miss Piggy Monroe.

Einfach eine großartige Rolle, wo ich von der Zicke bis zur Kuschelkatze viel Emotionen und Facetten einbringen und verschiedene Stimmungen zeigen konnte. Eine wunderbare Erfahrung, die mich in meiner schauspielerischen Entwicklung sehr geprägt hat.
Dann kam das große Jubiläumsstück „Supergau im TV“ anlässlich des 40. Geburtstages vom Theater Hoisdorf, wo ich noch einmal mein Tanzbein und einen Regenschirm schwingen durfte und mit Fleck-Weg-Fix wie das Frühstücksei von Familie Backhaus bestreut wurde. Schauspiel mit Gesang und Tanz zu verbinden und diese Vereinigung mit zu begleiten und das Resultat zu sehen, wieder eine wunderbare Erfahrung mehr gesammelt.

Doch nach der Saison ist vor der Saison und ein neues Stück muss gefunden werden – und ja, ich habe auch wieder Stücke gelesen, die für uns in Frage kommen könnten. Letztendlich gab es nicht sehr viele, die uns angesprochen haben, aber ein Stück ist auf große Zustimmung der meisten Mitglieder gestoßen und ziemlich schnell stand fest, dass es vom Supergau –TV-Studio ab in die offene Wohngruppe einer Psychiatrie geht.

Wer den Anfang dieses Artikels aufmerksam gelesen hat, dürfte jetzt ein kleines Klingeln in seinen Ohren hören…Psychiatrie, Geistesindividualität…ja, da war doch was. Meine zweite favorisierte Rolle, die ich mir in meinem damaligen Leichtsinn gewünscht hatte, war jetzt zum Greifen nahe. Und wie es so manchmal im Leben ist, wer nach den Sternen greift, erwischt manchmal eine Sternschnuppe oder eine Desireè Doldas auf seinem Textbuch. Bei der Verkündung der Rollenvergabe habe ich innerlich einen Freudentanz gemacht, das kleine Äffchen in meinem Kopf hat Konfetti gestreut und das Einhorn in meinem Herzen einen Salto gemacht. Ich bin so unglaublich dankbar – nicht nur für diese Rolle, sondern für so viel mehr.

Es ist so unglaublich schade, dass das Wort Dankbarkeit anscheinend so sehr an Wert verloren hat. Bewusst wurde es mir besonders, als wir im Kindergarten, wo ich arbeitete im Abschlusskreis eine „Dankbarkeitsrunde“ eingebaut haben, wo jedes Kind und jeder Erwachsene sagen konnte, wofür sie heute besonders dankbar sind. Niemand hat etwas Materielles oder Existenzielles genannt, sondern es waren immer einzigartige Augenblicke, Besonderheiten der Natur oder Komplimente für ein schönes Miteinander.

Wir sollten viel öfter dankbar sein und nicht für selbstverständlich nehmen, z.B. dafür, dass wir morgens aus dem Bett hüpfen können und mit unseren Beinen laufen, dass wir mit unseren Augen die Schönheit dieser Welt betrachten können, dass wir ein Dach über dem Kopf haben, etwas zu Essen auf dem Tisch, dass wir in Freiheit und in Frieden leben und auch Liebe an keine Konventionen mehr gebunden ist – wir haben heutzutage so unglaublich viele Möglichkeiten, unser Leben zu gestalten und Neues zu entdecken – wir müssen nur zugreifen. 🙂

Mitglied seit2013
Gespielte StückeAugen zu und durch! (Escort-Girl Stella)
Casanovas Comeback (Wiebke Ziegenhagel)
Super-GAU im TV (Tänzerin)

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